„Wir sollten den Optimismus nicht verlernen“

Über zwei Jahre sind mittlerweile seit meinem ersten Interview mit dem Frontmann Peter Screwjet der hessischen Punk-Rock Band ‚The Screwjetz‘ vergangen. Seither ist viel passiert. Die Band nahm den Song ‚Alarmstufe Rot‘ auf, der ein eindeutiges Statement und Weckruf sein soll. Peter Screwjet erzählte unter anderem offen über seine Meinung zur aktuellen Corona Krise, der daraus resultierenden Maßnahmen und den musikalischen Plänen der Gruppe.

Interview von Christina Angrabeit

CA: ,,Hallo Peter! Als Erstes möchte ich mich natürlich noch einmal herzlich für das Akustikvideo zu ‚Alarmstufe Rot‘ bedanken, das du exklusiv für meinen offiziellen ‚Angrabyte Journalism‘ YouTube Kanal gedreht hast. Seit unserem letzten Interview sind bereits über zwei Jahre vergangen. Wie geht es dir und der Band? Was ist alles in der Zwischenzeit passiert?´´

Peter Screwjet: ,,Hi Christina, danke der Nachfrage. Mir und allen anderen in der Band geht es so weit gut. Wie man sich sicherlich denken kann, bremst die aktuelle Situation alles etwas aus und somit läuft es momentan etwas auf Sparflamme. So wie bei vielen anderen Bands auch. Daher ist in den zwei Jahren gar nicht sooo viel passiert. Songwriting, Proben, Konzerte (bis Anfang 2020). Dann gabs die Vollbremsung. Aber dazu kommen wir ja noch bei deinen anderen Fragen zu sprechen. Erstmal „Bitte, gern geschehen“ für das Video und „Danke“ auch von meiner / unserer Seite, dass du uns das angeboten hast.´´

CA: ,,Gerne, und natürlich freue ich mich über jeden weiteren Künstler oder Band, der / die exklusiv ein Video für meinen ‚Angrabyte Journalism‘ YouTube Kanal aufnehmen und zur Verfügung stellen möchte. Aber weiter zum Interview: Du hast mit ‚The Screwjetz‘ den Song ‚Alarmstufe Rot‘ aufgenommen. Wie ist deine aktuelle Meinung zur Corona-Krise?´´

Peter Screwjet: ,,Erstmal vorab: Der Song war eine spontane Idee von Nico, unserem Drummer. Im Herbst liefen die ganzen Demos der Eventbranche unter dem Banner ‚Alarmstufe Rot‘. Nico meinte, dass man zu diesem Thema doch einen Song beisteuern könnte. Da wir mittlerweile auch den ganzen Recordingprozess selbst in die Hand nehmen und alles in Eigenregie machen, hatten wir hier echt einen Turbo. Innerhalb von 14 Tagen hatten wir den Song geschrieben, aufgenommen, gemischt und veröffentlicht. Plus noch ein Video, bei dem viele Bekannte und Freunde, die in der Eventbranche tätig sind, mitgewirkt haben. Dafür an dieser Stelle nochmal ein fettes DANKE an alle! Wir sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Das Ziel war es, mit dem Song die Gefühlslage der Branche zu vermitteln und auf die äußerst wichtige Thematik aufmerksam zu machen. Wir denken, dass wir das ganz gut geschafft haben, zumal wir die Unterstützung und Aufmerksamkeit der deutschlandweiten Kampagne erhalten haben. Mit den Organisatoren hier im Rhein-Main Gebiet sind wir immer noch im engen Austausch. So viel erstmal zu der Geschichte hinter dem Song.
Aber du wolltest ja noch meine Meinung zur aktuellen Corona-Krise…das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Das wäre fast nochmal ein komplett eigenes Interview wert. Denn es gibt sehr viel darüber zu sagen. Nur so viel: Niemand auf dieser Welt hat bisher so etwas erlebt! Dementsprechend hat auch niemand ein Patentrezept, wie man mit so einer Situation am besten umgeht. Klar, manche Länder schaffen es besser, andere haben größere Probleme. Aber dann zu meckern: „Guckt mal, Australien oder Südkorea haben das alles viel besser gemanagt als wir!!“ ist reine Stammtischpolemik und echt nicht zielführend. Natürlich läuft bei uns im Krisenmanagement hier nicht alles rund. Es gibt vieles, was man hätte besser machen können oder was versäumt wurde. Ob alle Maßnahmen sinnvoll sind, kann man auch gerne diskutieren. Dann aber bitte auch mit Argumenten und nicht mit Meinungen.
Das bringt mich dazu, dass ich derzeit auch nicht weiß, was mir mehr Sorgenfalten auf die Stirn treibt. Die ganze Corona-Krise und ihre Auswirkungen oder die politischen Strömungen, die in den letzten Jahren entstanden sind und alles immer weiter polarisieren´´

CA: ,,Welche Maßnahmen der Bundesregierung fandst du denn zielführend und welche eher wenig durchdacht?´´

Peter Screwjet: ,,Abstand halten, Maske tragen, Hygiene wie Hände waschen und Desinfektion halte ich persönlich für sinnvolle und nachvollziehbare Maßnahmen. Ich glaube auch, dass der Weg aus dieser Pandemie hauptsächlich über diese Regeln, Rücksichtnahme und eben Testen und Impfen führt. Wurden auch Fehler gemacht? Natürlich. Und einiges hätte anders laufen können.
Was aus meiner Sicht weniger durchdacht und übers Knie gebrochen war, ist die Öffnungsstrategie der letzten Wochen. Wir haben es zu Beginn des Jahres mit großer Mühe und Durchhaltevermögen geschafft, dass die Inzidenzen wieder abflachen. Seit Ende Februar stagnieren aber die Zahlen und die ansteckendere Virusvariante steigt anteilsmäßig und plötzlich wird vieles wieder gelockert. Kann ich ehrlich gesagt nicht verstehen. Falscher Zeitpunkt.´´

CA: Mit ‚Versuchs doch mal mit Leichtathletik‘ und ‚Alarmstufe Rot‘ gab es gleich zwei neue Singles, die nicht auf eurem Debüt ‚Persona Non Grata‘ zu hören sind. Darf man trotz der Corona-Pandemie auf ein neues Album hoffen?

Peter Screwjet: ,,Um ehrlich zu sein: Eher nicht. Das hat aber nichts mit der Pandemie zu tun. Wir hatten intern bereits recht schnell nach dem Albumrelease die Diskussion, ob das Format „Album“ heute noch zeitgemäß ist. Die Musiklandschaft und auch die Hörgewohnheiten haben sich doch sehr gewandelt. Alles ist schnelllebiger und kaum jemand lässt heute noch ein komplettes Album auf mehrfacher Rotation laufen. Es werden so die drei bis vier ‚Hits‘ in die Playlist gepackt und der Rest wird nicht weiter beachtet. Das ist immer schade für das Konzept-Album, die Songs und den Aufwand. Die interne Frage ist also: Macht es für eine Band in unserem Format überhaupt noch Sinn, alle paar Jahre ein Album mit zehn oder zwölf Songs zu veröffentlichen? Oder ist die bessere Strategie, dass man über das Jahr verteilt immer wieder Singles veröffentlicht und diese dann promotet? Oder geht man auf das Format einer EP? Derzeit fahren wir eher die Schiene: mehrere Singles pro Jahr von den – unserer Meinung nach – besten Songs, die wir schreiben. Wir sind bereits fleißig am produzieren.´´

CA: ,,Ich habe gelesen, dass ihr auf Facebook euren Musikstil von ‚Angry Pop‘ in ‚Fast, Melodic and Sweet Punk-Rock‘ geändert habt. Wird es im Stil Änderungen geben oder bleibt dieser bestehen?´´

Peter Screwjet: ,,Ich sehe es so, dass Weiterentwicklung und Veränderung in einer Band ein ganz normaler Prozess ist. Bands und auch Punkbands, die über den Tellerrand blicken und mit echt geilen Ideen und Sounds das Erwartete aufmischen, finden wir alle mega gut. Wir alle in der Band haben unsere Wurzeln natürlich im Punk und er wird immer der Antrieb und der Kern der Screwjetz sein. Sprich: Man wird bei uns wahrscheinlich immer hören, aus welchem Genre wir kommen. Wir mögen es auch nach wie vor, einen 2,5 Minuten Song mit schnellen Drums und Gitarren einfach mal rauszuballern. Trotzdem experimentieren wir auch mit anderen Einflüssen und Sounds. Die nächste Single wird beispielsweise einen Refrain im Tangotakt bekommen, du wirst Akustikgitarre hören und Akkordeon. So viel verrate ich an der Stelle schon einmal. Aber die Änderung in unserer Bandbeschreibung, hatte eher praktische Gründe. Mit ‚Fast, Melodic and Sweet Punk-Rock‘ sollte man uns etwas einfacher erfassen können als mit ‚Angry Pop‘.´´

CA: ,,Neben der Musik mit deiner Band ‚The Screwjetz‘ hast du auch noch ein Soloprojekt. Hast du hierfür schon weitere Pläne?´´

Peter Screwjet: ,,Erstmal nicht. Wir konzentrieren uns derzeit voll auf die Band. Aber ich bin mir sicher, dass man irgendwann auch wieder etwas von ‚Peter Screwjet‘ als Akustikprojekt hören wird. Aber ich hadere ein wenig mit dem Gedanken, jetzt einfach „nur“ Akustiksongs im Lagerfeuer / Songwriter Gewand aufzunehmen und rauszuhauen. Klar, das wäre möglich. Aber das wäre nicht so spannend. Ich hatte auch mal überlegt, ob ich ein Akustik-Coveralbum aufnehme, wo ich Songs anderer Bands spiele. Das ist noch nicht so ganz vom Tisch.´´

CA: „Du hast Anfang des Jahres mit dem Gitarrist Chris Brand von ‚Trouble in Mind‘ den Song ‚Olympia, WA‘ von Rancid gecovert. Könntest du dir vorstellen auch einige neue ‚The Screwjetz‘ Songs in Zukunft auf englisch zu singen?´´

Peter Screwjet: ,,Ich hatte in den Anfangszeiten als Songwriter häufig englische Songs geschrieben. Ich glaube, so starten auch wirklich die meisten Songschreiber. Das klang für mich aber immer nach Schulenglisch, wenn man sich mit den Slangs, Redegewohnheiten und der Alltagssprache zu wenig auskennt. Mir fällt es auf jeden Fall wesentlich leichter, meine Gedanken in der deutschen Sprache auszudrücken und auf den Punkt zu bringen. Englische ‚Screwjetz‘ Songs wird es auf jeden Fall nicht geben. Ein Cover in englisch halte ich aber nicht für gänzlich ausgeschlossen.´´

CA : ,,Wie sieht momentan dein Alltag aus?´´

Peter Screwjet: ,,Ich bin seit letztem Jahr im Homeoffice (was ich sehr angenehm finde!), natürlich viel Songwriting und mit Musik beschäftigen. Ich denke, auch etwas Struktur ist in der jetzigen Zeit recht hilfreich. So versuche ich regelmäßig Sport zu treiben, Kontakte mit Freunden und Familie aufrechterhalten und natürlich das, was viele andere auch machen. Filme und Serien schauen, lesen und meine Gamerskills merklich fordern. (lächelt) Achso…ich habe das Jahr über auch noch das Hören von Podcasts für mich entdeckt.´´

CA: ,,Welche Podcasts sind denn derzeit deine Favoriten und welche davon würdest du weiter empfehlen?´´

Peter Screwjet: ,,’Fest und Flauschig‘ ist immer recht unterhaltsam. Dann noch den ‚NDR Corona Virus Update‘. Den finde ich sehr informativ und hat mir schon mehr als einmal einen „Aha, so geht das“ Moment beschert. Die Podcasts vom ‚Ox und Fuze Magazin‘ sind auch sehr gut und ‚Punkrockers Radio‘ ist auch immer einen Blick wert. Das sind so meine Tipps. Gibt natürlich noch viel mehr gute Podcasts, aber das würde den Rahmen sprengen. Wann kommt denn der ‚Angrabyte Podcast‘? Wäre doch auch mal eine Option?

CA: ,,Ich habe bereits über einen ‚Angrabyte Podcast‘ nachgedacht. Allerdings ist in der Richtung noch nichts Konkretes geplant. Ich halte einen eigenen Podcast aber nicht für ausgeschlossen.

Glaubst du, unser Leben wird nach der Krise ein anderes sein bzw. sich verändert haben?´´

Peter Screwjet: ,,Ja, es werden sich Dinge verändern. Das denke ich schon. Die komplette Arbeitswelt und das gesellschaftliche Miteinander werden ja derzeit auf den Kopf gestellt. Hier bewegt sich doch schon einiges. Dazu kommt, dass man auch die Auswirkungen auf Handel und Gewerbe noch nicht abschätzen kann. Kommt die große Pleitewelle und wie verändert sich der stationäre Handel? Denn die Gewinner der jetzigen Zeit sind ja zweifelsohne der Onlinehandel.
Aber es gibt auch weitere nicht so positive Dinge, bei denen man die Auswirkungen noch nicht einschätzen kann. Schulen, Kitas, Entwicklung von Kindern, Depressionen, Vereinsamung, häusliche Gewalt, etc.
Von Kultur brauchen wir gar nicht erst anfangen. Kultur war das erste, was runtergefahren wurde und es wird das letzte sein, was wieder öffnet. Um ehrlich zu sein, rechnen wir dieses Jahr nicht unbedingt mit Konzerten oder Festivals. Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber realistisch und nüchtern betrachtet, weiß ich nicht, wie man ein (Punk)-Konzert mit hunderten oder tausenden Besuchern durchziehen will. Verschwitzte Menschen, die singen, tanzen, schreien, sich im Moshpit tummeln…so etwas wäre derzeit wohl der Albtraum eines jeden Virologen und Epidemiologen. Bis wir da wieder sind, wird es wohl noch eine lange Zeit dauern…leider.´´

CA: ,,Was hältst du von Konzerten über Live-Streams?

Peter Screwjet: ,,Eine nette Abwechslung, (die) aber niemals eine Alternative zu einem realen Konzerterlebnis sein kann. Anfangs waren die Livestreams auch noch aufregend und zogen viel Aufmerksamkeit. Das ebbt mittlerweile aber wieder ab. Ein (Punk)-Konzert funktioniert so halt nicht wirklich.´´

CA: ,,Deine Worte an die Leser da draußen:´´

Peter Screwjet: ,,Trotz der eben nüchternen Worte von mir, sollten wir den Optimismus nicht verlernen. Jede Situation hat etwas Positives…auch so eine Pandemie. Vielleicht lernen wir alle wieder, dass wir im Alltag mal zwei Gänge zurückschalten und das Leben und die Zeit mehr schätzen, trotz aller Herausforderungen und Schwierigkeiten. Er wird auch irgendwann wieder vorbei sein…muss (!!) vorbei sein…ich hab schließlich Tickets für die Abschiedstournee der Terrorgruppe.´´ (lächelt)

The Screwjetz – ‚Alarmstufe Rot‘ (Spezial Akustik Version)
The Screwjetz – ‚Alarmstufe Rot‘ Offizielles Musikvideo

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