Es ist nicht wichtig, wie viele Nieten dein Gürtel besitzt, sondern was du denkst und im Herzen trägst

Urhebververmerk bei Veröffentlichungen gleich welcher Art erforderlich.

(von links:) Nico Rendel Screwjet (drums), Markus Screwjet (bass), Peter Screwjet (vocals, guitar) und Felix Screwjet (guitar) Foto: (c) Michael Kleinespel und Marcel Landgraf

„Persona Non Grata“ heißt das Debüt-Album der hessischen Gruppe „The Screwjetz“.  Zwölf Punk-Rock Songs, die den Hörer zum Abrocken, aber durchaus auch zum Nachdenken anregen. Die Platte beschäftigt sich mit vielen aktuellen Themen und Problemen unserer heutigen Zeit. Ich hatte die Möglichkeit dem Frontmann Peter Screwjet einige Fragen zu stellen. Was er mir unter anderem über die aktuelle Scheibe, die Entstehung des Bandnamens, Musik-Genren und zur Punk-Entwicklung erzählte, könnt ihr im  folgenden Interview lesen.

Wie habt ihr als Band zusammen gefunden? Und wie seid ihr zum Punk gekommen?

Peter Screwjet: ,,Das war meine „Schuld“ (lacht). Ich habe immer schon sehr viel Musik gemacht und in diversen Bands gespielt. Am Ende meines Studiums hatte ich allerdings einen kleinen Musik-Overkill und eine kreative Pause. Nach einer Zeit fängst du aber doch wieder an zu komponieren und texten. Irgendwann hatte ich 15 bis 20 Songs fertig. Und ich wollte einfach wieder raus auf die Bühne, in den Proberaum, mit anderen unterwegs sein. So aktivierte ich meine ,,alten“ Kontakte und habe glücklicherweise auch recht schnell die passenden Personen gefunden. Und zum Punk kann ich nur für mich sprechen. Aber bei mir ging es in der Jugend mit Nirvana los. Dann folgten Die Toten Hosen und Die Ärzte. Weiter in den Punk brachten mich die Terrorgruppe, Bands wie Slime oder Ramones und schließlich ist mit der Welle der ganzen FatWreck / Epitaph-Bands der Damm endgültig gebrochen.“

Gibt es eine Geschichte zu eurem Bandnamen?

Peter Screwjet: ,,Als sich die Band langsam formierte, brauchten wir einen Namen. Klar. Auftreten ohne Namen ist etwas unpraktisch. Weiß ja keiner, nach wem er bei Google anschließend suchen soll. So saßen wir im Proberaum zum kreativen Brainstorming. Die Vorschläge wurden mehr und mit der Zeit immer abstruser. Als es ganz bizarr (Lampe) wurde, sagte Markus im halb genervten Ton: ,,Ei, es‘ gut jezzzz!“ (übersetzt aus dem hessischen: ,,Ei, es ist gut jetzt!“) Das hat dann den Geistesblitz gegeben: Es gut jezzz, scutjezzz…SCREWJETZ!“
Der Name ist also ein frei erfundenes Wort, was quasi: ,,Es ist gut jetzt!“ bedeutet. Passt ja irgendwie zu einer Punk-Band, die ja eine kritische Haltung haben sollte, nicht wahr? (lächelt)
Und der Vorteil im Internet: Da es dieses Wort anderweitig nicht gibt, sind wir bei der Suche danach im Ranking immer auf Platz 1.“ (lacht)

Eurer Debütalbum heißt „Persona Non Grata“ (unerwünschte Person). Warum habt
ihr gerade diesen Titel gewählt?

Peter Screwjet: ,,Die Antwort ist recht unspektakulär. Es war der schmissigste Titel von allen Vorschlägen (lacht). Aber es steckt natürlich auch mehr dahinter. Es passt irgendwie zum Zeitgeist. Wenn man sich die letzten Jahre umsieht und mitbekommt, in welche Richtung sich alles um einen herum entwickelt, bekommt man den Eindruck, dass es immer mehr „Persona Non Gratas“ gibt. Zumindest immer mehr Menschen, die sich so fühlen. Zum Beispiel diese ganzen Wutbürger und Aluhutträger, die sich selbst permanent zum Opfer und zur unerwünschten Person stigmatisieren, wenn sie auf Gegenwind stoßen. Das ist eben einfacher, als sich kritisch mit der eigenen Meinung auseinanderzusetzen und sich vielleicht mal einzugestehen, dass man gerade vollkommenen Schwachsinn von sich gibt.“

Ihr macht schon seit mehreren Jahren Musik. Wie kommt es, dass ihr jetzt erst ein
Debüt-Album veröffentlicht?

Peter Screwjet: ,,Das Album ist ja nicht unsere erste Veröffentlichung. Es gab vorher zwei Demo-CDs, eine Single und eine EP. Dass es mit dem Album jetzt doch so lange gedauert hat, war unter anderem auch dem geschuldet, dass wir mitten im Entstehungsprozess eine Umbesetzung in der Band hatten. Unser alter Drummer ist ausgestiegen und wir mussten uns um die Nachfolge kümmern. Das wirft dich im Prozess einige Zeit zurück. Man fängt quasi wieder neu an.“

Euren Musikstil bezeichnet ihr selbst als Angry Pop. Was genau ist Angry-Pop?

Peter Screwjet: ,,Wenn wir Leuten unsere Musik früher vorgespielt haben, gab es je nach Zuhörer immer sehr unterschiedliche Reaktionen. Den Punks waren wir viel zu poppig, den Metallern und Rockern zu melodisch und den Pop-Hörern zu hart und aggressiv. Wir saßen immer so zwischen den Stühlen. Dann haben wir daraus eine Symbiose gebildet und unsere Musik als Angry Pop definiert. Denn wir, oder gerade ich, haben schon eine Vorliebe für eingängige und harmonische Melodien und Refrains. Da passt der Pop doch irgendwie. Allerdings haben wir mittlerweile gemerkt, dass die Bezeichnung Punk-Rock vielleicht doch besser ist.“

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Das Debüt-Album ,,Persona Non Grata“ ist seit dem 12. Oktober 2018 erhältlich

Findest du es wichtig, Musik-Genres immer genau definieren und in Schubladen
packen zu können?

Peter Screwjet: ,,Wir alle haben mehr oder weniger Schubladendenken. Und zunächst ist das auch gar nicht schlimm. Es gab in der Musikszene in den letzten Jahren den Trend, dass sich Bands nicht mehr auf eine Musikrichtung festlegen wollten und ihre eigenen Stile kreierten. Das äußerte sich dann, dass man in Bandinfos oder auf Plakaten solche Bezeichnungen lesen musste wie: ,,Wir sind Band XY und wir spielen Post-Punk-Core mit Alternative-Elementen.“ Dann stehst du mit einem Fragezeichen vor diesem Plakat und denkst dir „Was zum Teufel soll das denn bitte sein?“ Du hörst dir die Band dann an und stellst fest: Wenn sie ,,Punk-Rock im Stil von Hot Water Music“ geschrieben hätten, wäre es nicht nur für alle Beteiligten einfacher gewesen die Musik zu erfassen, sondern es wären eventuell auch einige Leute mehr zum Konzert gekommen. Insofern können Schubladen bei Musik hilfreich sein. Sagten mir auch schon einige Veranstalter und Booker.“

,,Ich habe ehrlich keine Ahnung, was Punk eigentlich heißt“ ist eure aktuelle Single-auskopplung dem Debüt-Album. Findest du, dass ‚Punk sein‘ eine Modeerscheinung geworden ist?

Peter Screwjet: ,,Ich glaube, dass ,,Punk sein“ sich mittlerweile ziemlich überholt hat. Wie viele ,,echte Punks“ sieht man heute noch in den Städten und Fußgängerzonen, auf Konzerten etc? Anfang der 80er, und in den 90ern mit der US-Punkwelle, gab es diese Modeerscheinungen definitiv. Gerade die 90er habe ich ja aktiv mitbekommen, als um einen herum die Leute anfingen mit Chucks, Skaterpants und Baseballcaps rumzulaufen und Shirts mit Green Day, Offspring oder Blink zu tragen. Die gleichen Leute, die einen zuvor noch dumm angesprochen haben, warum ,,die Hose so weit unten sitzt“. Aber Mode kommt und geht. Es ist viel wichtiger was du denkst und im Herzen trägst, als wie „tief“ deine Hose sitzt oder wie viele Nieten dein Gürtel besitzt.“

,,Was denkst du, ist der große Unterscheid zur damaligen Punk-Musik in seiner
Entstehungszeit im Kontrast zum heutigen Punk?“

Peter Screwjet: ,,Punk war in seinen Entstehungszeiten viel destruktiver, nihilistischer und weniger politisch. Die Musik war rauher und simpler. Über die Jahrzehnte hat sich der Punk dann immer weiter entwickelt und aufgespalten. Es gibt so viele Subgenres, dass heute fast niemand mehr sagen kann, was Punk denn eigentlich ist. Auch thematisch und musikalisch werden die Unterschiede immer breiter. Du hast Anarchopunk, wie Discharge, Streetpunk wie GBH, Skatepunk á la NoFX, Emo-Punk, Hardcore und und und. Auch optisch. In den Anfangszeiten war ein ‚Punker‘ recht leicht erkennbar. Heute werden teilweise Leute als Punk bezeichnet, die vom Aussehen eher als Hipster (Karohemd, Vollbart und Basecap) durchgehen würden. Einzige Verbindung zum Punk sind dann ein Button oder das Ramones-Shirt unterm Hemd. Es wird / wurde also bunter und breiter. Ach ja, und musikalisch aus meiner Sicht vielfältiger und hochwertiger.“

Was bevorzugst du? Streaming und Download oder eher die „Oldschool-Variante“ CD und Vinyl?
Peter Screwjet: ,,Prinzipiell finde ich es gut, dass man als Musikhörer heute so viele verschiedene Optionen hat, seine Lieblingsmusik zu hören. So kann sich jeder seine bevorzugte Variante rauspicken. Ich persönlich habe irgendwann gemerkt, dass ich eher schleichend zum Streaming und Download gewechselt bin. Aufgefallen ist es mir, als mir ein Bekannter eine CD gab und ich feststellen musste: Verdammt! Ich kann sie mir nicht anhören, weil ich keinen CD-Player mehr habe! Vorher war es mir gar nicht so aufgefallen! (lacht)
Wenn ich es aus Bandsicht beurteile, liegt bei uns der Fokus sehr deutlich auf Streaming. CDs haben wir auch, die aber eher auf Konzerten verkauft werden. Nachfrage nach Vinyl bei uns: null.
Meiner persönlichen Einschätzung nach ist der Vinyl-Hype sowieso überschätzt. Gerade für kleine Bands wie uns.“

Ist schon eine nächste Singleauskopplung in Planung?

Peter Screwjet; ,,Ja, wir werden jetzt recht flott „Honig im Kopf“ hinterher schießen und dann Anfang des nächsten Jahres wird „Herz aus Gold“ ausgekoppelt. Hierfür wird es ein schönes Video geben, aber wir benötigen dafür etwas Vorbereitungszeit. Das wird sehr cool werden. Ganz sicher!“

Werdet ihr eine Tour spielen?

Peter Screwjet; Schwierig. Ich würde eher sagen, nein. Für Bands unseres Status sind diese Wochenendtrips (Konzerte freitags und samstags) die bessere Alternative. Alle in der Band haben reguläre Jobs. Das macht eine Tourplanung über eine ganze Woche, oder noch länger, immer sehr aufwändig. Außerdem würde eine Band unseres Status an den meisten Tagen vor zwei bis zehn Leuten spielen. Da lohnt der Aufwand nicht. Aber falls ein interessantes Angebot auf dem Tisch liegt – why not?“

Vielen Dank für das Interview und deine Zeit.

Interview: Christina Angrabeit

 

Links:

http://www.screwjetz.com/

https://screwjetz.bandcamp.com/

https://www.facebook.com/angrypop/

Eine Antwort zu “Es ist nicht wichtig, wie viele Nieten dein Gürtel besitzt, sondern was du denkst und im Herzen trägst

  1. Ja, ich bin auch zum streaming übergegangen.
    Und auch was die Musik betrifft. Sie ist lebendig und sie entwickelt sich weiter. Es ist gut das es nun so viele Styles gibt.

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